| Teil 1: Einführen
der Prozesskostenrechnung
Grundlagen, Methodik,
Einführung und Anwendung der verursachungsgerechten
Gemeinkostenverrechnung
Remer, D. (2005)
Das Fachbuch „Einführen der Prozesskostenrechnung“
beschreibt die Grundlagen und Methodiken der Prozesskostenrechnung.
Der Autor zeigt Schritt für Schritt, wie die Einführung
der Prozesskostenrechnung systematisch geplant und konsequent
umgesetzt wird. Besondere Aufmerksamkeit wird den Anforderungen
an eine Prozesskostenrechnungs-Software gewidmet. Das Buch
ist eine wertvolle Arbeitsgrundlage für alle Praktiker,
die Prozesskostenrechnung in ihrem Unternehmen einführen
und anwenden wollen.
Grundlagen
Prozesskostenrechnung bedeutet die
Ermittlung und Optimierung der Ablaufkosten durch Analyse,
Planung und Prozessmanagement in den indirekten Unternehmensbereichen
sowie die verursachungsgerechte Verrechnung der indirekten
Gemeinkosten auf Produkte, Aufträge oder Kunden.
| |
|
|
| |
(Quelle: eigene Bearbeitung, in
Anlehnung an Remer 2005, S. 10) |
|
Die Prozesskostenrechnung gewinnt an Bedeutung, da die
indirekten Leistungsbereiche in einem Unternehmen deutlich
zunehmen. Das traditionelle betriebswirtschaftliche Instrumentarium
kann hier kaum Hilfestellung bei der Suche nach Rationalisierungspotenzialen
sowie Chancen und Risiken geben. So werden Effizienzverbesserungen,
Kosteneinsparungen, eine realitätsnahe Gemeinkostenverrechnung
und die Bereitstellung entscheidungsrelevanter Informationen
und Daten aus dem Bereich der Kostenrechnung für viele
Unternehmen zur Überlebensfrage. Der Fokus des Kostenmanagements
muss sich daher mehr in Richtung der indirekten Bereiche
verlagern.
Methodik
Durch die Prozesskostenrechnung werden Prozessabläufe
kostenstellenübergreifend sichtbar, planbar und steuerbar.
Der methodische Ablauf umfasst Tätigkeitsanalysen und
Bestimmung der Teil- und Hauptprozesse mit entsprechenden
Kostentreibern. Die Prozesse sind unter den Aspekten Kosten,
Qualität und Zeit zu optimieren. Aus Prozesskosten
und Prozessmenge werden die Prozesskostensätze errechnet,
mit denen der Ressourcenverbrauch durch die Prozesse auf
Produkte und Kunden verrechnet wird.
Voraussetzungen für
einen sinnvollen Einsatz des Prozesskostenmanagements sind
- relativ hohe Gemeinkosten und entsprechend hohe Zuschlagssätze,
- vorwiegend repetitive Prozesse,
- detaillierte Analysen,
- Beschränkung auf den indirekten Bereich sowie
- eine relativ heterogene Produkt- und Kundenstruktur
Hauptziele des
Prozesskostenmanagements sind:
- Kostenmanagement:
Die Kosten- und Leistungsbeziehungen
werden analytisch herausgearbeitet. Das Ziel ist eine leistungsorientierte
Zurechnung von Gemeinkosten auf Basis der Erfassung und
Bewertung von Prozessen. Die Gemeinkostenbereiche werden
hinsichtlich der bestehenden Aktivitäten und deren
Ressourceninanspruchnahme untersucht. Dies unterstützt
Kostentransparenz, ein permanentes
Gemeinkostenmanagement und eine verursachungsgerechte Gemeinkostenverrechnung
auf Produkte, Aufträge, Kunden oder Regionen. Deckungsbeitrags-
und Ergebnisrechnungen gewinnen somit an Aussagekraft.
- Prozessoptimierung:
Die Prozesskostenanalyse unterstützt eine umfassende
Prozessoptimierung. Dabei ist es notwendig, Abläufe
in wertschöpfende und wertschöpfungsneutrale Prozesse
einzuteilen. Hierzu lassen sich unterstützend folgende
Fragen anführen: „Welchen Beitrag leistet diese
Tätigkeit zur Leistungserstellung?“ „Wie
kann der Prozess wirtschaftlicher durchgeführt werden?“
Die Prozesskostenanalyse dokumentiert die Kosten-
und Kapazitätswirkung veränderter Prozessstrukturen
und ermöglicht eine rationellere
Prozessdurchführung. Ebenso wird ein
effizienter Ressourcenverbrauch
sichergestellt und die Kapazitätsauslastung
aufgezeigt.
- Unterstützung strategischer Entscheidungen
Mithilfe von Prozesskostenmanagement und der verursachungsgerechten
Verteilung der Gemeinkosten lassen sich
Kalkulationen von Programmen, Produkten
und Produktpreisen verbessern.
Auch Sortimentsbereinigungen
werden unterstützt.
Die im Rahmen der Prozesskostenrechnung ermittelten Prozesskostensätze
erfüllen dabei zwei wesentliche Funktionen:
- In der Kostenträgerzeitrechnung
dienen sie dem Gemeinkostenmanagement, bzw. der kostenstellenübergreifenden
Optimierung der Prozesse, der Kostenkontrolle, der Rationalisierung
und Kostenvergleichen.
- In der Kostenträgerstückrechnung
wird eine verursachungsgerechte Zurechnung der Gemeinkosten
auf das Kalkulationsobjekt wie z.B. Aufträge, Produkte
oder Kunden angestrebt. Dies gibt eine Bewertungsgrundlage
für Preisbildung, Preisbeurteilung oder Make-or-buy-Entscheidungen.
Einführung
der Prozesskostenrechnung
1. Projektstart
„Einführen der Prozesskostenrechnung“
Die Einführung der Prozesskostenrechnung ist ein Projekt
und muss als ein solches verstanden werden. Das Projektteam
sollte sich aus geeignete Mitarbeitern der Controlling-
und Fachabteilung sowie externen Beratern zusammensetzen.
Am besten ist es, wenn die Mitglieder einen Querschnitt
aller Funktionen und Ebenen des Unternehmens repräsentieren,
um Abstimmungsprozesse zu beschleunigen und Wissen zu konsolidieren.
2. Softwareeinsatz
Aufgrund der Fülle an Informationen, müssen Daten
erfasst, analysiert, strukturiert und ausgewertet werden.
Die Software muss die komplette Datenbankstruktur sowie
Logiken, Formeln, Berichte und Schnittstellen abbilden sowie
Schnittstellen zu operativen Systemen aufweisen. Besonders
für die Analysephase ist es notwendig zu wissen, welche
Daten aus den Vorsystemen in die Prozesskostenrechnungs-Software
integriert werden. Eine umfassende Prozesskostenrechnung
kann mit üblichen MS-Office-Applikationen nicht geleistet
werden. Eine spezielle Software erleichtert zudem bereits
in der Einführungsphase den Umgang mit der Prozesskostenrechnung.
Allerdings ist nicht jede Software in der Lage, Prozessorientierung
und Prozesskostenrechnung zu integrieren. Zu Beginn des
Auswahlprozesses für einen Anbieter müssen die
wesentlichen Ziele, die mit der Prozesskostenrechnungs-Software
verbunden sind, in einem Anforderungskatalog (Lastenheft)
festgelegt und priorisiert werden. Die Ausschreibungsunterlagen
müssen unternehmensspezifische Anforderungen enthalten.
Nach einer Auswahl mehrerer geeigneter Anbieter wird die
Software genau vorgeführt und nach ihrem Preis-Leistungsverhältnis
bewertet.
Anforderungen an einen Anbieter können beispielsweise
folgende sein:
| Grundanforderungen |
- |
Strukturierung
nach beliebigen Prozesshierarchien |
| - |
Berechnung der Prozesskosten
in allen Ebenen |
| - |
Integration der Prozesskosten
in die Erfolgsrechnung |
| - |
Prozessorientierte Leistungsverrechnung
|
| Prozessstrukturen |
- |
Pflege der Prozessmodelle |
| - |
Modellierung durch Anwender ohne
Programmierkenntnisse |
| - |
Übersichtliche Darstellung
der logischen Verknüpfung der Prozesse |
| - |
Hinterlegung von Prozessdokumentationen |
| Analysen |
- |
Aggregierbarkeit der Daten auf
jeder Ebene |
| - |
Flexible Analysemöglichkeiten
und Drill-Down |
| - |
Vordefinierte und frei definierbare
Berichte und Grafiken |
| - |
Darstellung für mehrere Perioden |
| - |
Darstellung der Beanspruchung der
Ressourcen je Prozess |
| - |
Soll-Ist-Vergleich, Modellvergleich |
| - |
Kapazitätsanalysen |
| - |
Ermittlung der Beschäftigungsgrade |
| - |
Hinweise zur Analyse von Planungsfeldern
oder veränderten Strukturen |
| Simulationen |
- |
Prozessoptimierungssimulationen
auf allen Ebenen |
| - |
Simulation mit nachvollziehbarer
Darstellung |
| - |
Detaillierte Prozessanalyse |
Daten-übertragung
/
Schnittstellen
|
- |
Daten Import und Export von
und zu Vorsystemen über Schnittstellen in den
gängigen Datenformaten für alle Stamm- und
Bewegungsdaten
|
| - |
Integration in vorhandene Kostenrechnungssysteme |
| - |
Export aller Berichte in Standardformaten |
| Komfort |
- |
Übersichtlichkeit trotz Funktionsvielfalt |
| - |
Benutzerfreundliche Oberfläche |
| Software |
- |
Unbegrenzte Modellgröße |
| - |
Großzügige Modularisierung |
| - |
Netzwerkfähigkeit |
| - |
Mehrsprachigkeit |
| Anbieter |
- |
Fester Ansprechpartner |
| - |
Firmendaten |
| - |
Standorte, Nähe |
| - |
Wartung und Hotline-Support |
3. Auswahl des Untersuchungsbereichs
Zunächst wird ein Bereich ausgewählt, in dem am
schnellsten Erfolge zu erzielen sind, um Management und
Mitarbeiter von der neuen Methodik zu überzeugen. Dabei
sollte sich die Konzentration auf die betrieblichen Kostenschwerpunkte
und auf die betrieblichen Ressourcen richten, die von verschiedenen
Produkten unterschiedlich beansprucht werden sowie am wenigsten
verursachungsgerecht verrechnet werden.
4. Analyse und Strukturierungsphase
Tätigkeitsanalyse
-> Teilprozessanalyse -> Hauptprozessanalyse |
Im Rahmen der Tätigkeitsanalyse wird in einer Kostenstelle
ermittelt, welche Tätigkeiten innerhalb einer Periode
durchgeführt werden und wie groß der hierfür
notwendige Personal- und Sachmittelbedarf in Prozent der
Gesamtkapazität ist. So wird deutlich, inwieweit die
Ressourcen der Kostenstelle durch Tätigkeiten in Anspruch
genommen werden, was wiederum die Höhe der Kosten bei
den einzelnen Prozessen bestimmt. Die Tätigkeitsanalyse
erfolgt schriftlicher in
Form einer Selbstaufschreibung der Mitarbeiter
in einem Formular zur Tätigkeitserfassung. Eine solche
Detailtätigkeitsübersicht bietet eine gute Grundlage
für die Durchführung von Tätigkeitsoptimierung.
Liegen alle Formulare in korrekter Form vor, sollten die
Tätigkeiten mithilfe einer Software zusammengefasst
und weiter verarbeitet werden.
ERGEBNIS:
Tätigkeitskatalog als Übersicht aller Tätigkeiten
und Maßgrößen der Mitarbeiter jeder Kostenstelle
des Untersuchungsbereiches.
In der Teilprozessanalyse werden Tätigkeiten strukturiert
zu Teilprozessen zusammengefasst. Tätigkeiten mit starken
Interdependenzen sind in Abhängigkeit einer bestimmten
Gliederungstiefe zusammenzuführen, welche in Interviews
mit den Kostenstellenleitern mithilfe eines
Formulars zur Teilprozesserfassung festzulegen sind. Dabei
werden neben den Teilprozessen auch ihre Kostentreiber identifiziert,
Leistungsmengen bestimmt sowie die Ressourceninanspruchnahme
zugeordnet. Die analytische Planung der Prozessmengen nach
den Leistungsanforderungen der Engpassbereiche unterstützt
die Bestimmung der erforderlichen Ressourcenmengen sowie
die Ressourcenzuordnung. Am sinnvollsten ist es, die Kostentreibermengen
direkt aus bestehenden IT-Systemen zu entnehmen, allerdings
können diese Daten Fehler aufweisen, die vor der Analyse
bereinigt werden müssen, um die Ergebnisse nicht zu
verfälschen. Auf Basis gegebener Plan-Prozessmengen
werden alle Ressourcen und Kostenarten der Kostenstelle
mithilfe technisch-kostenwirtschaftlicher Analyse den Teilprozessen
originär zugeordnet. Anhand der erhobenen Daten und
der Bildung von Teilprozesskostensätze ist eine Übersicht
in einem Teilprozesskostenblatt mit allen kostenstellenspezifischen
und kostenrelevanten Daten zu erstellen. Transparenz wird
besonders durch die grafische Darstellung von Strukturen
und Kapazitäten der Kostenstellen erreicht. Allein
durch die Teilprozessanalyse mit anschließender Ressourcen-
und Kostenzuordnung erhöht sich die Kostentransparenz
in dem betrachteten Kostenstellenbereich erheblich.
ERGEBNIS: Teilprozesskostenblatt und Schnittstellenübersicht.
Die Hauptprozessanalyse ist notwendig, um einen straffen
Überblick über die Kostenstruktur und ihre gemeinkostentreibenden
Einflussfaktoren zu schaffen sowie die Kostenverrechnung
zu vereinfachen. Verschiedene Teilprozesse werden auf die
Hauptprozesse verdichtet. Über diese Kostenverteilung
werden Prozesshierarchien gebildet, welche die gesamten
betrieblichen Abläufe des Untersuchungsbereichs strukturiert.
Dabei sollten nicht mehr als zehn Hauptprozesskostentreiber
gebildet werden. Die Hauptprozessanalyse erfordert erweiterte
Teamsitzungen. Im Stadium der Hierarchiestufenbildung ist
bereits auch die künftig unabdingbare Umsetzung der
Prozesskostenrechnung mit spezieller Software zu berücksichtigen.
ERGEBNIS:
Transparente Prozesshierarchie mit Datenbank und Hauptprozesskatalog.
Umsetzung mit Prozesskostenrechnungs-Software.
5. Projektende „Einführen
der Prozesskostenrechnung“
Im letzten Schritt ist es wichtig, Ergebnisse zu dokumentieren
und zu präsentieren. Die Projektübergabe an die
Linie mit entsprechenden Aufgaben und Verantwortlichkeiten
muss mit folgenden Inhalten dokumentiert sein:
- Darstellung des Projekts (Ziel, Phasen, Termine, Beteiligte)
- Aktuelle Situation mit Ende des Projekts
- Projektergebnisse (Dokumentation, Pflichten- und Lastenheft)
- Folgekosten und Folgeleistungen
- Umsetzungscontrolling nach Projektübergabe
… seien Sie gespannt
auf SAS FI-Update Nr. 3/2006!
Es geht weiter: Erfahren Sie in der nächsten
Ausgabe weitere Informationen aus dem Fachbuch „Einführen
der Prozesskostenrechnung“: Anwendungsbereiche sowie
Möglichkeiten der Prozessoptimierung, Planung, Kontrolle
und Steuerung sowohl in generischer Form als auch anhand
eines konkreten Praxisbeispiels.
|